Ich stehe auf dem Balkon und schaue mir den ins Abseits gestellten alten Schreibtischstuhl an. Er musste einem neuen, ergonomisch hochwertigem Stuhl weichen – mein erster wirklich guter Schreibtischsuhl, seit nun fast 40 Jahren. als ich mit der Kaufmannslehre begann. Nicht aus Einsicht gekauft, nein, als Schmerzvermeidungsmittel.
40 Jahre lang habe ich immer süffisant die belächelt, die auf diesen teuren Stühlen saßen, aus Angst oder Vorsicht vor Berufsschäden. „Diese Memen“ ging mir dabei durch den Kopf, um mich fast aus Trotz auf die billigen 36,– DM Stühle zu setzen. Ich bin jung und ich bleibe jung – war wohl die Botschaft darin an mich selbst.
Den guten Ratschlägen bin ich nie gefolgt – sich diesen zu widersetzen, scheint etwas fest vorgegebenes im Menschen zu sein. Würde man immer Ratschlägen folgen, nichts Neues könnte entstehen, die Menschen würden noch noch immer auf den Bäumen hausen. Ratschläge sind Totschläge – in vielfacher Hinsicht.
So stelle ich mir vor, am Fenster stehend jemanden zuzuschauen, wie er in der Badehose mitten im Winter bei Minusgraden durch Schnee und Eis stapft und mir zuruft: Komm raus, mach mit, das härtet deinen Körper ab.
Das ist wohl das individuelle, dass jeder Mensch andere Grenzen hat. Physisch und psychisch so damit auf die Welt gekommen ist. Was für den einen gut und machbar ist, kann für mich den Tod bedeuten. Meine Grenzen muss ich selbst erfahren, sie sind nicht von anderen bestimmbar.
Auch ich gebe gerne Ratschläge, besonders an meine Tochter. Aber in dem Verständnis, das das nicht funktionieren kann und nicht dem System des Vorwärtskommen entspricht, kann ich ihr einfach nur zuschauen, welche Grenzen sie in ihrer Individualität sich selbst er-lebt. Und wenn sie sie erreicht hat, kann ich sagen: „Siehst`e, habe ich dir immer schon gesagt“, oder ich kann:
einfach nur da sein.

2 comments
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März 10, 2008 um 6:08
andrea2007
lieber menachem, welch schöner beitrag über Deine Gedanken und Erfahrungen. Ja, Ratschläge geben, das ist so eine Sache, ich finde, man darf sie geben immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass der andere das Recht hat, sie in den Wind zu schlagen. Denn- vieles muss man am eigenen Leib efahren, um es zu begreifen, zu glauben und zu beherzigen…da hast du eine gute einsicht gezeigt und der letzte satz hat mich sehr berührt…
liebe grüsse andrea
März 10, 2008 um 6:29
Menachem
Danke, liebe Andrea.